Artwork: Martin Burkhardt

Memento Moria – Memento Musica

— von Sookee

Auf „Venti“ fädelt Chaoze One zwanzig Jahre politische Musik durch ein 17 Tracks starkes Nadelöhr und würdigt damit die politischen Winde im Rücken derer, die nie aufhören zweifelnde Idealist*innen zu bleiben.

Chaoze One traut sich was: Nach dem, was für uns Außenstehende nach einer  langen musikalischen Pause aussah, veröffentlicht er ein gewachsenes, üppiges Album. Eine Platte, die auf keiner Trendwelle reitet, nicht nach industrieller Fertigung schmeckt und trotzdem die Deutschpop-Poeten aus den Charts versehentlich dazu bringen wird, sich Notizen zu machen, wie das mit der ‚echten‘ Musik handwerklich geht.

Der Mannheimer Musiker jongliert nicht mit linken Themen, weil es die Marketing-Strategie nahelegt, sondern weil er noch nie etwas anderes gemacht hat. Er kollaboriert nicht mit anderen Musiker*innen (u.a. Mal Élevé, Shana Supreme, Jan Off, Torsun Burkhardt, Matze Rossi), weil es einen Promo-Vorteil bringt, sondern weil darin langjährige Beziehungen endlich ihren musikalischen Ausdruck finden.

 

Was glaubt ihr, wofür schreiben wir diese Musik?“

Er rappt, singt, spricht, komponiert, produziert nicht, weil er das Verkaufsargument der Vielseitgkeit bemüht, sondern weil Musik ein kulturelles Lebensmittel ist. Etwas, das wir Menschen brauchen, um unsere inneren Fenster zu öffnen, erste und weitere Schritte zu wagen, uns vor uns selber gerade zu machen, Rotz und Wasser zu heulen oder endlich, endlich wieder etwas Leichtigkeit zuzulassen.

„Venti“ ist lebensbejahende, entwaffnende Musik, die den neoliberalen Zwangsoptimismus der Good-Vibes-Only-Lifestyles demaskiert und ganz trueschool-links daran erinnert, dass wir uns unserer eigenen Größe berauben, wenn wir uns für ein bisschen Sicherheit in Lebensschubladen einkaufen.

 

Foto: Giulia Vitali

Das Leben hat mich noch nicht umgebracht“

Sich selbst wagemutig in die Fragilität des Leben zu integrieren und dennoch demütig zu wissen, wieviel strukturelle Rückendeckung das Privileg eines ‚guten’ Passes mit sich bringt – dieser Balanceakt ist das Herzstück dieser Platte. Einer der größten dominanzgesellschaftlichen Widersprüche im globalen Norden. Zu skandalisieren, dass Europa Menschen vor der Küste sterben lässt und dennoch die lebenserhaltende Weite des Meeres als zentrale Metapher für die Hoffnung zu wählen. Nicht müde werden, sich glaubhaft mit Menschen zu solidarisieren, die gar nicht mehr wissen, wieviel tausend Kilometer sie auf der Fluchtroute zurückgelegt haben und trotzdem vom therapeutisch-befreienden Glück des ziellosen, gendankenverlorenen (Grat-)Wanderns als Symbol für Freigeistigkeit und Wachstum zu singen. Ein Seiltanz, den Chaoze One nicht nur für sich, sondern für uns alle wagt, die damit konfrontiert sind, dass wir gleichzeitig satt und hungrig sind. Und kotzen müssen wegen all der Scheiße, die wir von hier aus beobachten und bezeugen.

Und doch – ich glaub, dass wir Recht haben – also neuer Versuch“

Das Album erinnert: Politisch-Sein ist eine Lebensaufgabe. Wie essen und schlafen und atmen. Genauso alltäglich, anstrengend, unbewusst, notwendig, erleichternd, schwierig. Nichts, wobei man im Scheinwerferlicht geil aussieht. Nur etwas, was alle eint. Wenn auch in sehr unterschiedlicher Weise.
„Venti“ adressiert nicht die breite Masse, hat aber etwas Universelles. So wie auch Chaoze One ein vielseitiger Künstler ist: Seine stattliche Diskographie ist umgeben von zahlreichen Erfahrungen auf Theaterbühnen und einer Buchveröffentlichung über die innere Verbindung zwischen Musik und Politik. Dort setzt „Venti“ inhaltlich und künstlerisch an.

„Venti“ erschien am 16.07.2021 auf Grand Hotel van Cleef.