I’m a a bitch, I’m a lover, I’m a child, I’m a mother…

Mannheim, 01.11.2020

Seit März heiße ich ja eigentlich nicht mehr Jan. Sondern Risikogruppe. So als Diabetiker. Und Systemrelevant. Systemrelevante Risikogruppe is’n ziemlicher Scheiss. Weil während deine Kolleg*innen im Moment corona-schutzlos verheizt werden, damit die Eltern die Wirtschaft und die die Schulden und Bla und all der Quatsch (mal ehrlich, ich fass es nicht, dass auf einmal mit Bildung für Kinder argumentiert wird, wo wart ihr denn die letzten Jahre, als wir systemrelevanten gesagt haben, dass des mit der Bildung gerade nicht so stabil läuft?) hockst du isoliert irgendwo rum und guckst den anderen beim Ausbrennen zu. Apropos isoliert: War heftig für die Psyche der angebliche „Lockdown“ oder? Kennt ihr Pflege- und Altenheime? Alleinstehende alte Menschen? Fragt mal die Bewohner*Innen, wie lange die sich schon im sozialen Lockdown fühlen.

Aber diese Woche wurde mir nochmal besonders klar, je suis nicht nur systemrelevante Risikogruppe, je suis auch Kulturszene. Und es scheint, als ob ich mich mit Menschen aus der Kulturszene sehr gut verstehen würde, jedenfalls hat fast die Hälfte meiner Facebook Bubble plötzlich diesen Profilrahmen. „Ohne kUNSt wird’s still.“ – Hat bei mir gewirkt, denn wie viele meiner Freund*innen und Kolleg*innen eigentlich wirklich in Kunst und Kultur beschäftigt sind war mir gar nicht klar. Meine Kollage besteht aus ein paar von denen, die sich den Profilrahmen auf ihr Bild geheftet haben, aber das sind lange nicht alle. Nun gibt es bei dieser ganzen Kultursache in Problem mehr, als das, was uns der Rahmen erzählen will. Ja, wir als Gesellschaft drängen die Kulturschaffenden unter uns im Moment über den Existenzabgrund ins Nirvana. Ja, das IST dramatisch! Aber es ist immerhin kongruent mit unserem Umgang mit sogenannten systemrelevanten Berufen. Und: Ja, es wird (und ist ja auch schon weitestgehend): still.

Aber das wird nicht so bleiben. Ein Vakuum beschafft sich neuen Inhalt, so ist das in der Physik – und zwar nicht unbedingt mit dem, was ihm gut tut, sondern mit dem was am schnellsten hinein drängt. Seit mittlerweile einigen jahren führt die AfD stellvertretend als parlamentarischer Arm einer rechten, nationalistischen Bewegung einen Kulturkampf gegen Theater, Clubs und Kulturinstitutionen. Alles was sich mit Diversität, kritischer Auseinandersetzung mit der deutschen nationalsozialistischen Geschichte oder mit Gender Identitäten beschäftigt soll aus der gesellschaftlichen Debatte und damit natürlich auch schnell aus der Kunst verschwinden.

Anders als die Mitte der Gesellschaft scheinen die Konservativen, Nationalist*innen und Faschist*innen in diesem Land verstanden zu haben, welche Bedeutung den Kultureinrichtungen in Gesellschaften zukommt. Sie bilden den Diskurs, genauso wie die Medien und die freie Presse, sie sind Ausdruck einer gesunden Meinungsfreiheit und im besten Fall auch einer funktionierenden Demokratie. Heißt: Ihr müsst jetzt keine Kulturschaffenden betrauern. Wir alle müssen gerade unsere eigenen Ärsche retten, in dem wir retten, was zu retten ist – die Kulturszene, aber auch den Diskurs. Kurzfristig: Behaltet eure Tickets (mir fällt gerade kein einziger Weg ein um die „Unsichtbaren“, also Stage-Hands, Ton- und Licht-Techniker*Innen und BühnenAssistent*innen zu erreichen, euch?), überweist was an Künstler, kauft CDs, Platten, Shirts, lasst euch was einfallen. Und die Regierung sollte da mithelfen, keine Frage. Vor allem. Aber langfristig geht uns dieses Problem alle was an. Sonst wird’s bald doof für uns!

Alarmstufe Rot! Ohne Kunst wird’s da laut, wo’s besser leise wäre. In Welcher Gesellschaft willst du leben?

PS.: Mach mal Zoom mit Opa und Oma und den Leuten die seit Monaten alleine sind! <3
PPS.: Im Übrigen bin ich der Meinung, dass Europa seine Lager räumen sollte. #LeaveNoOneBehind #ScheuerRücktritt #SeehoferRücktritt
PPPS: #BlackLifesStillMatter
PPPPS: Free and safe abortion for all!
PPPPPS: #KACKISIS
PPPPPPS.: Was für eine unfassbare Gesamtscheisse.

error: Nix, da! ;)